Über Kunst und Politik

Um über Politik in der Kunst sprechen zu können, muss ich zuerst die wichtigsten historischen Ereignisse der letzten beiden Dekaden zusammenfassen, um meinen eigenen Standpunkt zu definieren.

Vor dem Fall der Berliner Mauer 1989 grenzten sich zwei ideologische Lager klar voneinander ab. Durch diese Trennung wurden nicht nur Wirtschaft und Regierung beeinflusst, auch die künstlerische und intellektuelle Produktion in der Kunst-Welt dachte in diesen Dichotomien. Während der Zeit des Kalten Kriegs war es leicht, eine klare Grenze zwischen „links“ und „rechts“ zu erkennen und auch die unterschiedlichen Abstufungen innerhalb dieser Pole. Der Fall der Berliner Mauer veränderte maßgeblich die Art, wie die Menschen ihre eigene Position im politischen Geschehen wahrnahmen. Künstler erlebten diese Wandlung ebenfalls. Allerdings hatte das nicht zur Folge, dass Politik in der Kunst keine Rolle mehr spielte. Auch wenn ein Künstler keine explizite Stellung gegenüber politischen Themen bezieht, ist er doch ein Teil seiner Umwelt, und kann sich nicht dem politischen Geschehen entziehen, das seinen Alltag beeinflusst.

Ich bin überzeugt, dass sich durch „9/11“ erneut ein Wandel im Umgang mit der Realität vollzog. Die Frage nach der politischen Verantwortung von Künstlern stellte sich erneut. Wenn nach dem Fall der Berliner Mauer ein ideologisches Vakuum aufkam, das Künstlern erlaubte, den Inhalt der Werke je nach Belieben auszurichten, veränderte der Angriff auf die New Yorker Zwillingstürme die Situation erneut. Ich glaube, dass seit diesem Moment Kunst ohne Einfluss politischer Ereignisse nicht mehr möglich ist – auch wenn wir unsere Realität nicht mehr in ideologische Lager oder in Gut und Böse aufgeteilt wahrnehmen.

Das wirft die Frage auf, was Kunst ist. Die Frage regt Künstler und Intellektuelle zu ausschweifenden Erklärungen an. Kunst kann als Unterhaltung gesehen werden, als Suche nach Antworten, eine Interpretation der Realität liefern, ein Versuch sein, die Realität zu verändern, indem das Publikum zum Nachdenken angeregt wird. Vielleicht ist all das Kunst, ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger.

Ich stimme der weit verbreiteten Meinung nicht zu, dass Kunst Fragen aufwirft, aber keine Antworten liefert: Ich verstehe Kunst als Suche nach persönlichen Antworten, egal ob aus formaler, theoretischer oder sozialer Perspektive. Dass dieser Prozess, in dem Kunst entsteht und wahrgenommen wird, neue Fragen an Autoren und vor allem das Publikum richtet, widerspricht dem nicht. Kunst liefert immer eine Antwort: eine besondere, persönliche und sehr subjektive – aber trotzdem eine Antwort.

Unterhaltung ist kein glücklich gewähltes Wort, aber Kunst ist auch eine Quelle der Freude, mit allen Opfern, Zweifeln und Kämpfen, die sie verursacht.

Ich glaube nicht, dass Kunst die Realität verändern kann oder das Recht dazu hat, aber ich glaube daran, dass sie dazu in der Lage ist, neue Perspektiven zu eröffnen.

Meine künstlerische Arbeit lebt von „freier Assoziation“. Die ersten Schritte einer Komposition erfolgen durch freie Assoziation von Ideen oder kürzlich Gelesenem. Später entwickele ich eine philosophische Fragestellung, einen rationalen Zugang. Am Ende aber ist es wieder die „freie Assoziation“, die die endgültigen Entscheidungen trifft, formal wie theoretisch. In diesem Prozess gibt es ein ständiges Kommen und Gehen von Ideen und Gedanken, einen konstanten Austausch von Gesichtspunkten.

Nicht nur meine Videoproduktionen, sondern auch meine Zeichnungen und Installationen drehen sich durchgängig um ein Thema: Gewalt. Politische Unterdrückung, Krieg, Diktatur und Terror manifestieren sich kontinuierlich in meinen Stücken auf verborgene oder eindeutige Weise. Sie agieren als der Ariadnes roter Faden, der meiner Arbeit eine konzeptuelle Einheit gibt. Gleichzeitig gewinne ich bei der Rekonstruktion der mutmaßlichen Realität, die ich nur durch meine Intuition erfahren kann. Meine Arbeit ist ein Versuch, der Gewalt ein Gesicht zu geben. Die meisten Darstellungen von Gewalt, die wir in den Medien vermittelt bekommen, trivialisieren die Realität und bedienen eine Neugier des Zuschauers, ohne diesem echte Informationen angeboten zu haben. Um eine Teilwirklichkeit zwischen Fiktion und Realität zu rekonstruieren, ist Vorstellung und Geschichte genau das, was ich in meiner Arbeit versuche zu erreichen. Vorstellungen zeigen ein anonymes Universum, das immer ein Universum der Verdrängung ist. In diesem Zusammenhang kann ich behaupten, dass meine Arbeit politisch ist.

Ich glaube, dass ein Künstler sich dadurch auszeichnet, dass er die Realität aufnimmt, darstellt und zukünftige Entwicklungen antizipiert. Der Künstler muss Verantwortung für seine Diskurse übernehmen. Ich trage Verantwortung für die meinigen, argumentiere für meine Position und verleugne sie nicht. Ich beachte bei der Entstehung einer Arbeit nicht die zu erwartenden Reaktionen des Publikums und ich kümmere mich nicht um die Urteile über mich – jedoch um diejenigen über meine Arbeit. Es ist das Werk selbst, das die Diskussionen fortsetzt, nicht meine Person.

Ich bin ein Künstler der heutigen Zeit. Meine Kunst lebt davon. Die Gegenwart gibt mir nicht nur die adäquaten Mittel an die Hand, mich selbst auszudrücken, sondern sie nährt mich gleichsam auch thematisch. Ich komme auf das zurück, was ich weiter oben ausgeführt habe. Das Thema Gewalt „verfolgt“ mich. Gewalt in allen möglichen Formen: Politische und heimische Unterdrückung, Krieg, Gewaltherrschaft. Situationen, die unheimlich oder beunruhigend aber immer real und gegenwärtig sind.

Dennoch gibt es auch eine historische Epoche, die mich beeinflusst: Der Barock. Nicht seine Themen, aber seine Ausdrucksformen und rhetorischen Figuren: Metaphern, Alliterationen und vor allem die barocke Inszenierungskunst, die Dramatisierung durch den Gebrauch von Diagonalen und Naheinstellungen ohne Fokus. Ich wähle diese Sprach- und Ausdruckmittel bewusst, sie sind ein essentieller Teil meiner Arbeit. Das kann man auch von einem politischen Standpunkt aus betrachten: Ich möchte sie dazu bringen zu fühlen, sie in einen fiktiven dramatischen Raum hineinversetzen, um sich mit demjenigen zu identifizieren, was sie erleben und sich so damit auseinanderzusetzen.

Das Maß, in dem sich jeder Einzelne sich engagiert, bleibt privat und persönlich. Ich ziele auf ein intelligentes Publikum, welches im Stande ist – zu sehen. Dazu ist jedermann in Lage. Nur Geduld ist gefragt, dann funktioniert es. Das ist es, was ein Künstler seinem Publikum bieten kann: einen Raum, in dem Geduld, Willens- und Einfühlungskraft zu gedeihen vermögen.

Héctor Solari, 2011

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