Über das Video Libertad

Erinnerung vor dem Video Libertad, von Héctor Solari
Carlos Liscano, 2010

Störend sind Geräusche nicht, aber es irritiert nicht zu wissen, wer oder was sie verursacht. Diesen Gedanken habe ich vor vielen Jahren gehabt, aber nie niedergeschrieben. Ich befand es nicht für notwendig. Jedes Mal wenn mich ein Geräusch stört, erinnere ich mich an diesen Gedanken. Wenn ich jedoch in der Lage bin, die Quelle des Geräusches zu identifizieren, hört es auf, mich zu stören.
Das Gleiche habe ich gedacht, als ich Hector Solaris Arbeit Libertad zum ersten Mal gesehen habe. Es gibt bei ihm Geräusche, Laute, die mich stören. Genauso wie damals, als vor mehr als dreißig Jahren, eine schlagende, für mich unsichtbare Türe, mich störte. Es war folgendermaßen: es war Winter, es windete und eine kleine, metallene Tür, die außerhalb meines Sichtfeldes lag, schlug immer wieder zu und schlug mich. Das monotone Geräusch, das fünfzehn bis zwanzig Stunden anhielt, füllte meinen Kerker, drang in meinen Kopf, lies mich nichts machen. Es schien als gäbe es auf dieser Welt nur diesen, sich wiederholenden, Schlag, der zu meiner Strafe wurde. Eine Strafe die aber niemandes Willen gehorchte, sondern eine, die eine Verschwörung zwischen einer Tür – die jemand vergessen hatte abzuschließen – und dem Wind war. Ich wusste wo sich diese Tür befand, und auf eine irrationale Art und Weise dachte ich, wenn ich die Tür sehen könnte, würde das Geräusch mich nicht mehr stören. So entstand dieser Satz, als Versuch, eine Definition der Störung, die ein ungewolltes Ereignis bei mir hervorrief, zu finden.
Die andere Erinnerung die Solaris Arbeit hervorruft, ist die der Flecken an den Wänden. Es ist so als würde sich Solari auf Details konzentrieren. So machte es auch der Insasse in den dunklen Kerkern. Als das Auge sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, konzentrierte er sich auf die Feuchtigkeitsflecken und entdeckte dort eine neue Welt: Masken, Tiere, Bäume, Landschaften, Monster. Jeden Tag hat die Fantasie dieses Kino neu erfunden, um die 16 Stunden des Wachseins zu überbrücken.
Am Ende des Videos sieht man ein Bild des brennenden Gefängnisses. Ich glaube, dass es brennt, dass aus den Kerkern Flammen und Rauch herauskommen. Es ist eine gute Ortsbeschreibung: in der entpersonalisierten Welt der Unterdrückung hat alles gebrannt, weil der Kopf (Geist) der Gefangenen auch in Flammen stand.
Die Bilder des Videos Libertad zeigen eine anonyme Welt, die immer eine Welt der Unterdrückung ist. Der Unterdrücker versucht nicht identifiziert zu werden und gleichzeitig das Opfer in ein Objekt zu verwandeln. Für einen professionellen Henker sollten beide Individuen, Folterer und Gefolterte, aufhören, Mensch zu sein. Es ist ein Wunsch der selten in Erfüllung geht, oder wenn, dann nur für einen kurzen Augenblick. Danach werden beide wieder zu Menschen, aber anders: der eine durch die Folter entwürdigt, der andere, um foltern zu können, entmenschlicht.
Am Eingangstor des Gefängnisses Libertad kann man folgende Inschrift lesen: „Aquí se viene a cumplir.“ (span.: Man kommt her um zu erfüllen.) Ich denke dies bedeutet, dass Henker und Opfer eine Aufgabe erfüllen mussten, die außerhalb ihres Willens lag.

Carlos Liscano verbrachte fünfzehn Jahre im Gefängnis Libertad. Heute ist er Schriftsteller und Direktor der Nationalbibliothek Montevideo, Uruguay.

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